Das andere Leben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Er klappte das Buch sorgfältig zu, das er gerade ausgelesen hatte, schaute in die Ferne und öffnete es dann doch noch einmal, um die markierte Seite zu finden, die den für ihn wichtigsten Satz enthielt:

 

„Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?“

(Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon)

 

Die letzten Sonnenstrahlen streichelten sanft seine Haut, die untergehende Sonne blendete ihn und er dachte nach.

Was geschieht mit dem Rest, mit den vielen anderen Teilen seines Lebens, die er nicht hatte leben können?

 

Gab es ein zweites und drittes Leben irgendwann, oder gab es jemanden, der in der Zwischenzeit das lebte, was er nicht leben konnte, was aber trotzdem in ihm war?

 

Er hatte nur dieses eine Leben, gefüllt mit Stereotypien, geprägt durch die immer wieder gleichen Abläufe, dieselben Gesichter, die bekannten Wege, Dinge und Räume.

 

Er hatte es und er hatte es sich bewusst ausgesucht.

 

Ob er damit zufriedener war als mit einem anderen Leben, konnte er nicht einmal sagen.

 

Er hatte ja keinen Vergleich. Und doch kam immer wieder dieses Gefühl, dass es noch etwas anderes geben musste. Sicher, im Vergleich zu vielen anderen ging es ihm gut. Er war gesund, litt materiell keine Not, hatte einen interessanten Job, ein schönes Zuhause, Familie, kam viel herum.

 

Aber manchmal dachte er doch:

„Was wäre, wenn ich mich damals anders entschieden hätte?

Wenn ich den Job im Ausland angenommen hätte?“

Er sollte damals innerhalb von wenigen Tagen in Genua sein, Hals über Kopf seine Stadt verlassen,  Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff, für eine Saison erstmal, es roch nach Abenteuer.

 

Er hatte abgesagt, so flexibel war er nicht, er baute sich gerade seine Existenz auf, die Freunde, Familie…

 

Er wusste, dass manche Entscheidungen im Leben weitreichender sind, als sie am Anfang zu sein scheinen.

 

Aber davor hatte er keine Angst. Irgendwie ging es immer gut, sein Bauchgefühl hatte ihn noch nie betrogen.

 

Und er wusste auch, dass manche Dinge, die so verlockend klingen, auf die Dauer eher nerven und nicht auszuhalten sind.

 

Es ist der Wechsel, der das Leben interessant erscheinen lässt – das war seine Erfahrung.

 

Vorsichtig suchte er aus dem Stapel der Bücher neben seinem Tisch den alten Kykladenführer heraus, das Buch mit den vielen Eselsohren, sein Lieblingsbuch, das ihn immer wieder in eine andere Welt versetzte. Ja, was wäre wenn… Der Traum vom einfachen Leben, als Fischer oder Tavernenwirt auf einer kleinen Insel mitten in der Ägäis, bei immer blauem Himmel und Meer, zufriedenen Menschen und klaren Zielen.

 

Hoffnungslos romantisch, das wusste er. Und bei jedem Kykladentrip hoffte er, eine Idee zu finden, die es ihm ermöglichte, länger dort leben zu können.

 

Aber spätestens nach vier Wochen sehnte er sich wieder zurück nach grünen Wiesen, wirklich gutem Essen und seiner Muttersprache. Vielleicht ein steter Wechsel, das wäre es:

zwei Monate hier, zwei Monate dort.  Er holte tief Luft, atmete langsam wieder aus – und freute sich auf seine nächste Kykladenreise, lang war es nicht mehr bis dahin, Zeus sei Dank. 

  

    

 

 

Kykladenträume