Sikinos - Vorsaison 2016




1  

„Und, wie viele sind es diesmal?“ „Drei rein, zwei raus.“
So geht es schon seit Tagen. Wir sitzen auf unserer Terrasse mit Blick auf den Hafen Alopronia, ich schaue durch mein Minifernglas und zähle die Leute, die die Fähren verlassen oder entern. Aqua Spirit, Adamantios Korais oder Artemis, mehr gibt´s nicht, viel tut sich nicht auf Sikinos Anfang Juni. Aber immer wartet brav der Bus, als wenn jeden Moment eine Kohorte Asiaten von der Fähre springen würde. Das tut sie aber nicht. Noch nicht.
Vom langsam voller werdenden Folegandros kommend waren wir mit der Aqua Spirit hier gelandet, die Phalanx der fünf Vermieter hatte sich aufgestellt, die meisten vergeblich, wir hatten bei Margarita vorgebucht. Sie steht etwas abseits in der zweiten Reihe, so als wolle sie den Kollegen zeigen, dass sie es nicht nötig hätte zu kobern.
Zwei Jahre sind seit unserem letzten Besuch vergangen, damals hatten wir die griechischen Pfingsttage hier überbrückt, heute ist Pfingsten noch in weiter Ferne – und die Touristenschar auch. Im Laufe der Tage kennen wir alle vom Sehen, man kann sie an zwei Händen abzählen, und spätestens am dritten Tag sind wir ganz verwundert, wie freundlich alle grüßen, als wären wir hier im Club Medityrannei. Na ja, man läuft sich ja auch ständig über den Weg, fährt zu Viert im Bus hoch nach Chora, sieht sich in den zwei geöffneten Lokalen ständig wieder, oder nimmt sein Absackerbier im Anemelo von George, der sowieso sehr kommunikativ ist und immer alles wissen will.


1  

Um uns leichter zu verständigen, geben wir den Touristen Namen von Leuten, die wir kennen oder an die sie uns erinnern, Prominente oder Freunde.
„Gestern war der Gunter Gabriel bei Flora im Supermarkt und hat mir das letzte Brot vor der Nase weg geschnappt“. Da weiß der andere doch gleich, um wen es geht. Oder: „Justin Bieber und seine Freundin essen jetzt schon zum dritten Mal die Pita bei Lucas!“
Gut, die jungen Leute haben ja auch nicht viel Geld. Und viel Auswahl gibt es ja auch nicht. Das Meltemi hat noch zu, und nachdem das Vrachos Café im letzten Jahr schon dicht gemacht hatte, genauso wie die Ostrella Strandbar, bleibt in Alopronia nur noch neben der Veranda vom Porto Sikinos Hotel das Restaurant von Lucas, das aber in der Vorsaison auch nur die kleine Karte mit quasi Fast Food bietet.


1  

Der ganze Hafenort wirkt sehr verschlafen, an den Strommasten hängen noch die alten Plakate von vor zwei Jahren, Mopedvermieter und Schiffsticketagenturen haben geschlossen oder einen Zettel an der Tür, dass sie in ein paar Minuten wieder da sind. Griechische Minuten natürlich.


1  

Die Tankstelle hat nur eine Stunde am Tag geöffnet, natürlich nicht jeden Tag, nur dreimal die Woche, Montag, Mittwoch und Freitag von sechs bis sieben nachmittags. Da bringt man schon mal lieber den Reservekanister mit


1  


1  



1  

Was macht man den ganzen lieben langen Tag auf so einer Insel? Man bewegt sich. Von hier nach dort und von dort nach hier, läuft bei 30 Grad im Schatten die Piste zur Nikolaos Kapelle über der Dialiskari Bucht. Das kleine Weihrauchfass, das vor der Tür wohl zum Auskühlen liegt, lädt dazu ein, mitgenommen zu werden bevor es geklaut wird, aber das kann ich mir gerade noch verkneifen. Unten in der Bucht sind die Sonnenschirme sogar schon bespannt, sehr komfortabel.


1  

Auch die Südwestküste lädt zu kleinen Wanderungen ein, eigentlich wollten wir ja die große Inseldurchquerung vom Heroon bis nach Alopronia machen, aber bei 30 Grad...
Wir entscheiden uns daher lieber für die kurze Tour, den Fußweg von Chorio durch das Tal hinunter zum Hafen.
Also fahren wir zusammen mit dem Busfahrer hoch nach Chora, streifen durch die Gassen, Bauarbeiten sind im Gange, die Hauptgasse wird neu gepflastert, sehr schön, das Baumaterial hierher kann nur per Esel oder Muli transportiert werden, ein bisschen Kykladen-Nostalgie. Von Chorio geht das Monopati dann hinunter ins Tal, vorbei an der gepflegten Vlasios Kapelle, in der wir mangels Streichhölzer leider doch keine Kerze anzünden können, mal ist der Weg etwas unübersichtlich, gefährlich ist es aber nicht, Schlangen kommen uns nur bewegungslos entgegen, Ziegen (ohne Ohrmarken) schauen etwas verwundert, wer hier denn herum kraxelt, um nach etwa zwei Stündchen Alopronia wieder zu erreichen


Und auch die letzten Abende verbringen wir in Chora, der Busfahrplan macht´s möglich, individuell gestaltbar. Das Wetter ist umgeschlagen, ein kalter Wind weht jetzt, wir nehmen unseren Sundowner im Iliochtida, mit Ausblick auf Weißwein mit Mütze, Winterjacken und Erdnüsse. Die Abendstimmung im Ort hat immer etwas feierabendliches, macht Appetit, wir steuern in Ermangelung weiterer Tavernen das altbewährte Kapari an, das zwar an der Straße liegt, aber dort fährt sowieso nur der Bus, wenn überhaupt. Der Busfahrer hat uns seine Telefonnummer hinterlassen, falls wir eher als 22:30 h hinunterfahren wollen. Wollen wir aber nicht. Er bringt uns mit seinem Privat PKW pünktlich zurück. Lummerland halt.


  


1  


1  


1  



1  



Und am nächsten Morgen geht es ganz gemütlich mit Livemusik auf der Artemis an Ios vorbei nach Naxos.