Busfahren auf Sikinos

Upgrade, Downgrade, Zerograde

 

 

 

 

Busfahren auf den Kykladen war schon immer etwas abenteuerlich.

Entweder weil man aus uralten Bussen heraus den Blick auf atemberaubende Abgründe genießen konnte, oder weil man

mit nagelneuen Bussen auf unsäglichen Pisten wie auf einem Kamelrücken schaukelnd jedes kykladische Schlagloch erforschte.

Irgendwie kommt es so oder so auf dasselbe raus.

Auf Sikinos kommt noch der ungetrübte Blick durch die Windschutzscheibe des Busfahrers hinzu.

 

 

Wie dem auch sei, Sikinos ist bustechnisch voll erschlossen. Theoretisch ist es durchaus möglich, das gesamte Straßennetz per Bus abzuklappern und so alle möglichen touristischen Highlights in Angriff zu nehmen.

Nur nicht für jeden.
Und nicht immer.
Und schon gar nicht nach Plan.

Was beim Betreten der Insel blank geputzt in Wartestellung steht, stellt sich im Laufe des Aufenthalts doch als etwas weniger glänzend heraus.

Wer übrigens bei der Ankunft auf Sikinos den schnurrbärtigen Tasos sucht (der mit dem komischen Turban aus dem MM Reiseführer), es gibt ihn tatsächlich. Etwas älter geworden,

aber er steht am Anleger, bietet die Unterkünfte "Galini" an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dem Rat von einigen Griechenlandfreaks und Fähr(t)ensuchern folgend, quartieren wir uns strategisch günstig bei Flora ein. Etwas höher und etwas außerhalb vom Hafenort Alopronia îm Ortsteil Pyrgari gelegen, haben wir so jeden Morgen den freien Blick auf unser Kätzchen, das schon mit den Hufen scharrend auf seine Käseration wartet, und natürlich auch auf die Inselstraße, die Alopronia mit Chora verbindet.

 

 

 

 

 

Die Tankstelle ist ein bunter Klecks in diesem Bild, und auch

der Blickweit über den Ortstrand und den Schiffsanleger ist

zwar nicht atemberauben daber zufällig nun mal da.

So gewöhnen wir uns daran, dass wir schon morgens den Busfahrplan kontrollieren (wo bleibt er nur? Ist doch schon 10:15 durch!) und sehen mit Erstaunen, dass selten überhaupt irgendjemand außer dem Busfahrer drinnen sitzt.

 

 

Macht ja nichts, solange er den Fahrplan einhält. Und so entschließen wir uns eines Tages, einen Ausflug zum Ag. Georgios Strand zu machen.
Der geplante Aufenthalt dort von ca. 2 Stunden ist zwar nicht lang, aber besser als nichts. Natürlich sind wir die einzigen Fahrgäste. Welch ein Upgrade, zu zweit in einer 10 m langen Strechlimo exklusiv zum Strand gefahren zu werden!

Ohne Zwischenstopp und ohne Schnickschnack. Und alles für 3,20 pro Nase (hin- und zurück).
Nur der Bordservice lässt zu wünschen übrig.

 

 

Und auch die Aufenthaltsdauer ist nicht so ganz nach Plan, schon nach einer Stunde will er uns wieder abholen. Protestieren zwecklos.

Dafür genießen wir den menschenleeren Ag. Georgios Strand samt Kapelle und geschlossener Taverne bei bestem Wetter.

 

 

 

 

Ein Bus-Downgrade erwartet uns aber bei der nächsten Fahrt.

Schon am Vorabend merken wir besorgt, dass der Bus am Abend wohl nach Chora hinauffährt, aber kein Bus mehr herunter kommt.
Er wird doch nicht...???

So erkundigen wir uns vorsorglich im Supermarkt bei Vasili (dem Sohn von Flora), ob denn der Busfahrplan noch stimme, es wäre ja gestern Abend gar kein Bus mehr gekommen.

"Nicht gekommen? Doch, doch, der kommt immer."

"Ja, aber wir haben ihn vom Balkon aus nicht gesehen".

"Nicht gesehen? Doch, doch. Ach so. Der Bus ist abends jetzt der hier." und zeigt auf den alten halb verrosteten roten Golf, der vor dem Supermarkt parkt.

 

 

Ach so, wenn Ende September die Anzahl der Fahrgäste drastisch sinkt, fährt der Busfahrer lieber mit dem Kleinwagen zum Hafen hinunter.
Na, wer das nicht weiß, der kann oben in Chora lange auf den Bus warten und durch die abendlichen Gassen streifen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir probieren es aus, unser Downgrade, und siehe da, es klappt. Pünktlich um 20:00 Uhr steigt der Busfahrer in seinen Golf und wir scheuen uns nicht, uns dazu zu drängeln, brav die 6,40 als Fahrgeld bereit zu halten. Obwohl, die 2 x drei Kilometer per Golf-Taxi für 6,40 Euro? Das sind ja schon mitteleuropäische Preise!

Aber so haben wir hautnah die Möglichkeit, unsere nächste Fahrt - to Winery – vor zu buchen, bzw. zu fragen, ob er denn morgen wirklich fährt.

"Ja, ja, aber nicht um viertel vor sieben, sondern um sieben,
oben von Chora. Ich warte dann eine halbe Stunde bei der Winery und bringe euch dann wieder zurück."

Gut, das ist ein Wort. Er sprach es immer Winnery mit kurzem "i" aus, als ob es dort etwas zu gewinnen gäbe.

Abermals streifen wir am nächsten Tag abends durch Chorio und Kastro, und zweifeln allmählich, ob es bei einbrechender Dunkelheit für den Busfahre rüberhaupt noch lohnt, zur Winery und zum Episkopi zu fahren.
Das muss er sich auch gedacht haben, denn zur verabredeten Zeit taucht weder ein Bus noch ein roter verrosteter Golf auf. Und wir warten und warten undwarten.

 

 

 

 

 

 

Langsam wird es uns zu dumm, und so machen wir uns zu Fuß auf den Weg, die Straße nach Alopronia hinunter, solange es noch einigermaßen hell ist. Offenbar hatten wir bei der Winnery nichts verloren.

 

 

Ein echtes Bus-Zerograding.

Natürlich kommt uns unten bei völliger Dunkelheit der 20:00 Uhr Bus entgegen, der Busfahrer winkt freundlich, wir winken mit der Faust in der Tasche zurück und freuen uns auf ein leckeres Essen bei Lucas. Aber der beendet heute schon am 27. September die Saison, macht das Restaurant dicht. Die Öffnungszeit auf dem Tavernenschild ist wohl nur ein Aprilscherz, oder für seine Roomsvermietung gedacht.

 

 

 

Und so widmen wir uns einem leckeren Schweinerollbraten

im Meltemi.
Tja, man sollte nicht alles glauben, was in Sikinos als Aushang geschrieben steht. Dem kostenlosen Taxitransfer zur Winery, den der Besitzer anbietet, vertrauen wir schon mal gar

nicht, zumindest nicht im Oktober.

 

 

 

Morgen gehen wir aus Protest direkt zu Fuß zum Dialiskari Strand mit seiner Ag. Nikolaos Kapelle, und übermorgen auch noch zur Panagia Sykia hoch. Ätsch, alles ohne Bus.
Der kann dann völlig leer wieder rauf und runter juckeln,

sooft er will.

 

 

 

 

 

 

 

 

Und irgendwie gefällt uns Sikinos zu Fuß viel besser.
Winnery und Episkopi müssen halt auf uns bis zum nächsten Besuch warten. Und der kommt bestimmt, auch ohne Busfahrplan.

 

 

 

 

 

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