Der Himmel über Sérifos

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gut.

Es war schon eine geile Zeit. Ich begann damals die Kykladen zu entdecken, reiste allein. Nicht mit Rucksack und Birkenstocksandalen, sondern mit Schultertasche und Nike´s. Das fand ich lässiger. Als Tagesgepäck kaufte ich dann vor Ort einen dieser griechischen verfilzten Beutel, schön kratzig.

 

Ich nannte ihn Drecksack. Wie er mich nannte, weiß ich leider nicht. Ich glaube aber, er nannte mich genauso.

 

Sérifos, Sífnos, dann rüber nach Paros, Naxos, das war meine Route.

 

Von Amorgós, das ich schon kannte, hatte ich in Erinnerung, dass es oben im Hauptort, der Chora heißt, abenteuerlicher war als unten am Hafen. Also fuhr ich – abends auf Sérifos ankommend – kurzerhand mit dem Inselbus hoch, eingeklemmt zwischen Pappkartons, Hühnern, Frauen und Kindern. Kein Tourist außer mir dabei.

 

Auch oben: nicht das bekannte „Rooms? Rooms?“ Nichts.

Die Griechen kümmerten sich einfach nicht um mich, liefen schnell in ihre Häuser und Tavernen.

 

Mein schüchterner Versuch „Domatio?“ blieb erfolglos. Also

was tun? Gut, Schlafsack hatte ich dabei, aber wo sollte ich

die Nacht verbringen? Ich setzte mich an die Bushaltestelle,

und saß das Problem förmlich aus.

Die Luft war klar und warm, ein Sternenhimmel wie ich ihn kaum zuvor gesehen hatte, wölbte sich von Horizont zu Horizont. Aus der Ferne glitzerte Sífnos herüber.

Hier hätte ich sitzen bleiben können bis ich sterbe.

Die Zeit stand still.

 

Endlich sprach mich eine ältere Frau an, aus reinem Mitgefühl, nahm mich mit und zeigte mir ein kleines unbewohntes Häuschen, vollgestellt mit allerlei Betten und Gerümpel.

Im Schrank hing noch der gute Anzug des Großvaters, reichlich Mottenpulver – Tür schnell wieder zu. 
 

Hier konnte ich bleiben.

 

Ein bisschen aufgeräumt, Schlafsack raus, und ich hatte

meine eigene Hütte, oben in der Chora von Sérifos, super Ausblick und null Komfort. Toilette und Wasserhahn funktionierten allerdings. Ich öffnete das Fenster, setzte mich noch einen Moment vor die Tür, ließ die klare Nachtluft hinein und schlief danach wie ein Stein.

Am nächsten Morgen suchte ich mir eine kleine Taverne,

etwas abgelegen vom Dorfplatz, in der ich mich einige Tage versorgen wollte. Ein Fernglas – auf Stativ – stand am Fenster, direkt auf meine Tür gerichtet. Ich glaube, das ganze Dorf hat mich gestern beobachtet, wie ich mir abends noch ´ne warme Dose Amstel-Bier reingezogen habe.
 

Die kleine Tochter des Wirtes war nett, es war ihr allerdings richtig peinlich, dass ich jedes Mal ein klitzekleines Trinkgeld

auf dem Tisch liegen ließ. Ich glaube, so etwas hat es in dieser Taverne zuvor noch nie gegeben.  Den Weg in den Hafenort und wieder zurück machte ich regelmäßig zu Fuß, füllte an der Wasserstelle bei der Schule meine Plastikflasche auf,  lernte unten rasch einige Leute kennen und wir hatten eine super Zeit, genossen die herrlichenn Strände, die griechische Ursprünglichkeit und hatten nur ein Motto: 
„Morgen erkunden wir die Insel!“ 

 

Nach sieben Tagen wunderte sich meine Wirtin dann doch, dass ich immer noch da war, der einzige Tourist in Chora.

Aber irgendwann zog es auch mich weiter.
 

Viele Jahre später haben wir den Ort wieder besucht. Mittlerweise reisen wir zu zweit, die Freude wird doppelt so groß, wenn man sie teilen kann.
 

Als ich in die Taverne trat, merkte ich, dass die Tochter mich wieder erkannt hatte. So einen Verrückten, der auch noch Trinkgeld gibt, den vergisst man nicht. 

Ich glaube, sie führt heute das Kafenion am Dorfplatz, das mit den Messing-Kännchen zum griechischen Kaffee. Ich denke, ich werde sie bald mal wieder besuchen. Mal sehen, ob sie mich immer noch erkennt. Dann lasse ich das mit dem Trinkgeld lieber weg.

 

 


 

 

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