Schinoussa. Juni 2013 - endlich 

 

 

 

 

„Im letzten Licht der Petroleumlampe schleppen wir uns müde von Bord der Miaoulis und erklimmen im noch düsteren Licht der Glühwürmchen den Fahrweg, der uns "me ta podia"
in Serpentinen hoch hinauf in den Hauptort Pangia führt.

Ja, Schinoussa ist noch eine der letzten Kykladeninseln,
die nicht an das Stromnetz  angeschlossen ist, hier ist
die Zivilisation noch nicht angekommen.

Die schwere Kameraausrüstung, die ich für meine Panoramafotos mitführe – immerhin 20 Kilo extra (Linhof Technorama inkl. Stativ und etliche Rollfilme) – drückt auf
die Schultern.

Vor uns stapft eine vierköpfige Familie aus Nürnberg, bepackt mit aufgeblasenen Schwimmreifen für die Kinder, die mit uns von von Bord gegangen ist. Die Mutter hatte die Insel vor Monaten in einem Artikel der Zeitschrift „Brigitte“ entdeckt, quasi als letzten weißen Fleck auf der Landkarte,
also Abenteuer pur…“

 

So– oder so ähnlich könnte man es bei theopedia nachlesen, vielleicht aus dem Jahr 1979, oder aus einem Buch des berühmten Reisefotografen R. der schon damals weder Kosten noch Mühen scheute!

Aber so ist es nicht.

Nicht mehr. Schade eigentlich. Oder zum Glück? 

 

Hier ein Link zu ein paar Videos aus dem Jahr 1979:

Videos Schinoussa 1979

 

 
Die stromlose Zeit auf Schinoussa haben wir nicht mehr mit erlebt, insofern hat sich für uns bis heute nicht allzu viel seit Anfang der 1990er Jahre  geändert.

 

Die Miaoulis wurde längst durch die Scopelitis ersetzt,
aber in der Meerenge zwischen Naxos, Iraklia und Schinoussa
sind auch heute wieder die Delfine zu sehen, die mit der Fähre
um die Wette schwimmen und ihre Sprünge vorführen.

Fünf oder sechs Tiere habe ich gezählt. Dieselben von damals sind es wohl nicht mehr. 
 

  

 

  


Ein kurzes Anlegen auf Irakliá zeigt, dass die Saison noch
nicht begonnen hat, selbst Anna – von Anna´s Place – steht
in froher Erwartung am Hafen, die einzigen Gäste dackeln ab.


Schinoussa ist schnell erreicht, knapp 20 Minuten dauert
die Fahrt von Irakliá hinüber. Schön ist es hier.
Und es gibt Strom. Und Wege. Und Autos. 

 

 

 

 

Aber die hätte es nicht gebraucht. Denn der etwas holprige Fußweg nach Panagia hoch, also die Abkürzung des Fahrwegs – immerhin einen Kilometer lang mit einem Höhenunterschied
von 68 Metern – ist neuerdings sehr schön in Bruchsteintechnik
als Treppenweg gepflastert, lediglich die Seitenbeleuchtungen fehlen noch. 
 

  


Und auch für die Autofahrer wurde einiges getan. Die seit Jahren im Bau befindliche Tankstelle kurz vor Messariá wurde endlich fertig gestellt, die letzten Malerarbeiten waren im Gange. Fortschritt lässt sich halt nicht aufhalten.

 

Und die damit verbundenen Nachteile auch nicht. So ist die Müllentsorgung dabei im wahrsten Sinne des Wortes wohl
auf der Strecke geblieben… 
 

 

 


Aber wir wollen hier ja nicht schwarzmalen.

Da zücken wir lieber die „sauschwere“ Fotoausrüstung in Form des neuen Smartphones mit Panoramafotofunktion (fügt bis zu 5 Aufnahmen automatisch zu einem Panorama von 180 Grad zusammen) und beobachten die Landschaft auf unserem täglichen Weg von der Livadibucht hoch nach Panagia im Wechsel des Lichts.
 

Panoramafotos 
 

  


So leicht kann das Leben sein! Und so leer!

Gerade mal 20 Touristen zählen wir hier Anfang Juni.

Und trotzdem sind auf dieser kleinen Insel schon acht Restaurants geöffnet:

In Panagia das Meltemi, Veggiera, Deli, Margarita, Loza, (Kira Pothiti leider nicht, hier hat ein Besitzerwechsel stattgefunden, und das 8-Brüder auf dem Dach von Eirinis Supermarkt öffnet erst ab Mitte Juni), dann am Tsigouri Beach: Grispos, und am Hafen das Mersini und die Fischtaverne Nicholas.

 

Wobei letztere stark aufgerüstet hat. Wir erinnern uns noch
an die alte Taverne mit ihren wackeligen Tischen und den Kykladenstühlen... 
 

  


Jetzt geht es fein daher im Segler-Schick, ganz mediterran,
man sitzt in edlen Kissen an polierten Holztischen. Aber Preise und Qualität stimmen, alles im Rahmen.
 

 

Das Deli besticht wie immer mit seiner tollen Aussicht und

der etwas feineren Küche:
 

 

  


So stellt man sich auf die vielen Segelcrews ein, die tagtäglich hier im Hafen von Mersini mindestens eine Nacht lang bleiben werden und zum Abendessen in die Restaurants ausschwärmen. Man muss ja schließlich von der Insel etwas gesehen haben!
 

  


Auch das Restaurant Meltemi bietet eine gute Qualität. Hier steht Muttern noch am Herd, es wird richtig gekocht und die Portionen sind riesig, wenn auch nicht billig. 
 


So empfiehlt es sich hier, eine Hauptspeise zu zweit zu teilen, falls man am Ende des Urlaubs nicht aussehen will wie Obelix.
 

  


Dreh-und Angelpunkt aber ist außer dem Loza nach wie vor
der SUPER MARKET SXOINOUSA, 
frisch renoviert mit neuer Ausstattung. Innerhalb eines Tages wurden die Kartoffelsäcke zur Seite geräumt, die alten Regale abgebaut, die Wand gespachtelt und gestrichen und die neuen Regale installiert.
Der Betrieb lief weiter, an keinem Tag hierfür war der Laden geschlossen. Man suchte sich halt selbst aus dem Wust von Waren, die auf dem Fußboden verteilt lagen das heraus,
was man benötigte, ein ausgestopftes Krokodil, einen spanischen Stier, oder was man so täglich braucht.
 

 

Die Leute hier machen einen freundlichen, glücklichen und zufriedenen Eindruck, dankbar dafür, dass sie auf dieser ihrer Insel leben, und nicht in Athen, Thessaloniki, Kavala, Volos
oder gar in Köln.

 

 

Die alte Dame des Hauses hatte dieses Jahr einen runden Geburtstag, stolz malt sie mir eine 80 auf den staubigen Ladentresen. Ihr Mann, den wir letztes Jahr noch
gesehen hatten, lebt wohl nicht mehr. Jetzt steht ein
Schwarz-Weiß-Bild von ihm auf dem Coca-Cola Kühlschrank, neben dem Stier, dort wo sonst das zweite ausgestopfte Krokodil zu sehen war. Es wird ihn doch wohl nicht
gebissen haben?

 

 

 

Die Insel strahlt eine wohltuende Ruhe und Gelassenheit aus. Die Strände sind nicht vergleichbar mit denen auf Donoussa oder gar Koufonissi, aber ein schönes Plätzchen zum Baden lässt sich auch hier leicht finden.
 

 

  

 

Und so hat es uns auch dieses Mal wieder auf Schinoussa gefallen, der Abschied fällt schwer wie in alten Zeiten. 
 

 

  

 

 

 

     

 

Damals drückte uns die alte Frau Pothiti, bei der wir am Ortseingang zusammen mit der Familie aus Nürnberg übernachtet hatten, zum Abschied noch zwei rohe
Eier und eine Handvoll Xinomyzithra in die freien Hände.

Mit dem Rucksack auf dem Buckel und nicht wissend wohin
mit dem Käse und den Eiern, ruderten wir am Abend mit
den Händen in der Luft den Weg hinunter bis auf die Fähre.
 

 

Und die Glühwürmchen am Hafen leuchteten vor zwanzig Jahren schon damals so hell wie heute noch.
 
















Nachtrag:

Aufgrund des obigen Berichts erhielt ich eine Nachricht von einer Familie aus Berlin, die schon 1984 und 1985 jeweils für zwei Wochen die Insel besuchte. Demnach gab es 1984 noch keinen Strom, "geschweige denn fließend Wasser, man musste sich das Wasser vom Brunnen holen". Erst 1985 war die Insel elektrifiziert. 
 

 

 

 

Inselberichte