Wandern auf den Kykladen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

Das Wandern auf den Kykladen will gelernt sein. Zumindest wenn man vorhat, mehr als den Weg von der Taverne zum Strand zurückzulegen.

Stellt euch vor, ihr möchtet zum Beispiel die Insel umrunden, bei vielen kleinen Inseln ist das kein Problem. Der Weg  ist

am Anfang recht gut markiert, rote Punkte, alter Eselspfad.

Ihr macht euch auf den Weg, habt Wasser und Proviant dabei,

feste Schuhe, Karte eingesteckt, das Wetter ist gut, ihr geht nicht allein.

Die grobe Pflasterung mit den alten Feldsteinen

tut euren Füßen gut.

Hinter dem Ort seht ihr plötzlich vor euch einen Bauern

auf einem Esel.

Aha, der kennt den Weg. Also hinterher. Die Richtung müsste stimmen, die roten Punkte werden weniger. So geht es in die griechische Landschaft, Natur pur. Plötzlich ist der Mann auf dem Esel vor euch nicht mehr zu sehen, irgendwo abgebogen, oder das Muli hat einen Zahn zugelegt.

Auch ist das Monopáti zwischen den Dornen und dem Thymian kaum mehr zu erkennen. Der Weg ist weg, alles sieht gleich aus. Das, was der Weg sein sollte ist eigentlich nur vom letzten Winterregen frei gespülte Erde, versiegte Bachläufe.

Irgendwie sah der Weg aber genauso aus, aber wo ist er?   Plötzlich steht ihr einsam und verlassen mitten in der Landschaft, links das Meer, rechts die Berge, kein Haus und kein Mensch sonst weit und breit. Das Dornengestrüpp hinterlässt die ersten Spuren an den Beinen. Irgendwo muss

der Weg doch sein! Also zurück. Aber wohin? Mehr nach oben, mehr nach unten? Scheiße. 

Die Sonne brennt, euer Trinkvorrat wird weniger.

Theoretisch denkst du: kein Problem, stolpern wir eben querfeldein über die Dornen immer oberhalb des Meeres in

die richtige Richtung, die Insel ist ja klein. Also los.

Bei der ersten steilen Bucht kommen dir Zweifel, oben herum oder unten bleiben?

Ein bis zwei Stunden gehen dabei drauf.

Na ja, zum Glück hast du ja dein Handy mit der Telefonnummer deines Zimmervermieters dabei. Aber den jetzt anrufen? Und der fragt bestimmt, wo genau du jetzt bist. Das weißt du ja selbst nicht. Grrr…

Langsam werden die Schatten immer länger, das Abendlicht verändert die Landschaft noch einmal. Sind wir hier nicht schon gewesen? Sieht alles gleich aus. Heimlich stellst du dir schon mal eine provisorische Übernachtung mitten in der Landschaft vor, denn am nächsten Morgen findest du den richtigen Weg bestimmt. Mulmiges Gefühl, reichen die paar Kekse und das Wasser?

Es muss eine neue Taktik her, macht keinen Sinn, planlos umherzuirren.

Also bleibt einer im Basislager, der andere ist Späher.

50 m nach oben: „hier ist nix!“ 50 m nach unten: „Hier auch nicht.“

Plötzlich, 80 m schräg voraus: die ersten Ziegenköttel. „Hier muss mal ´ne Ziege gegangen sein.“ Dann die erste leere Schrotpatrone, blaues Plastik mit Metallhülse.

Die erste weggeworfene Karelia. „Eselspfad!“ schließt du messerscharf.

Wieso war der so nah und nicht zu sehen????

Gerettet! Ab jetzt achtest du darauf, wo du hintrittst, irgendwie geben dir Eselsdreck und leere Zigarettenschachteln ein ganz neues Gefühl der Sicherheit.

Und im Abendlicht noch weit vor dem Ort kommt euch die

alte Ziegenhirtin entgegen, in ihren Schläppchen läuft sie den kürzesten Weg über Stock und Stein, die Ziegen immer brav hinterher.

„Kalispera“ ruft sie euch zu, du fragst sie sicherheitshalber

noch mal nach dem Weg, sie streckt den Arm aus und zeigt querfeldein. Na ja, das lassen wir lieber.

Trotzdem: „Kalinichta“. Für heute reicht´s.

 



 

 

 

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