Selbstbedienung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zuhause ist da, wo mein Kühlschrank steht.

Wenn möglich gefüllt mit leckerem kaltem Bier oder Weißwein.

 

Ganz spießig eben.

Das, was man zu Hause hat, möchte man auch im Urlaub nicht vermissen. Also fühle ich mich dort besonders wohl, wo diese Gegebenheit auch anzutreffen ist. Die Voraussetzung: Selbstbedienung, zu jeder Zeit. So habe ich festgestellt,

dass ich mich dort am wohlsten fühle, wo ich den direkten Zugang zu dieser Quelle in der Taverne meines Vertrauens habe, und nicht auf mein Getränk warten muss.

 

Vom Tavernentisch aufstehend, durch die Küche an Evangelía vorbei, die gerade die Kartoffeln schält, freundlich den Kopf zum Gruß leicht auf die Seite gelegt hat, wissend lächelt und mir ein freundliches "Kalá!" widmet, der osteuropäischen Spülkraft „Viel Arbeit, was?“ zurufend, die mit ihren gelben Gummihandschuhen in der schaumigen Spüle hantiert und nur die Mundwinkel nach unten zieht, versonnen aus dem Küchenfenster blickt und von den Lieben daheim träumt, die Zustimmung von Nikita, der gerade sein Geld in der Schublade zählt, durch Fingerzeig auf den Kühlschrank einholend, durch ein brummiges  „Né, né“ ermuntert die kälteste Flasche ganz unten herausfischend bin ich fast am Ziel.

 

Jetzt nur noch zum Regal mit den Gläsern - auch hierfür habe ich die Lizenz. Die kleinen Zahnputzgläser sind für Krassí, die etwas schmaleren für Bíra und Portokaláda.

 

Aus einem Wust von Bestellblöcken greift Nikita jetzt meinen heraus, meint "Bira, Bira, Bira", macht einen Strich mehr irgendwo, na gut.

 

Mein Schweizer Taschenmesser mit Flaschenöffner gezückt,

das wichtigste Reiseutensil, und der Abend ist gerettet.

 

Leider werden diese Tavernen immer seltener. So trauere ich den Restaurants von Dimitri oder Anna auf Iraklia nach, und selbst in meiner Lieblingstaverne steht ab Ende Juni plötzlich eine Bedienung vor mir am Tisch, die auf Deutsch fragt:

„Guten Abend, ich bin hier die Bedienung, was darf ich Ihnen bringen?“ Hab ich richtig gehört? – Ihnen? – wo sich auf der ganzen Insel jeder duzt?

 

Das ist das untrügliche Zeichen, dass die Hauptsaison beginnt, der Wirt seine Geschicke in fremde Hände legt und ich das Weite suche – und mein Bier im eigenen Kühlschrank daheim finden muss. 

 

 

 

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