S.O.S. in der Ägäis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war am 24.Juni, als ich dachte, ich müsse sterben.

Unser Urlaub ging nach vier ereignisreichen Wochen langsam

zu Ende, wir befanden uns mittlerweile auf Amorgós, unserer letzten Station, als der Fährenstreik einsetzte.

Nichts Ungewöhnliches zu diesen Zeiten, die staatlich subventionierten Reedereien bezahlten eine magere Heuer,

ein Traumjob muss es nicht gewesen sein, auf den alten Pötten im Maschinenraum Dienst zu schieben, mit dem Ölkännchen in der Hand. Meistens dauerte so ein Streik aber nur drei bis vier Tage.

Wie dem auch sei, unser Flieger ging am Samstag ab Athen, und den mussten wir erreichen, koste es was es wolle. Die Flugtickets waren damals noch doppelt so teuer wie heute,

und der Urlaub war vorbei, die Arbeit rief.

Doch plötzlich, nach ein paar langen Tagen und Nächten des Wartens schien eine Lösung nahe: ein Tragflügelboot der (damals nicht staatlich unterstützten) Flying Dolphins,

du weißt welche ich meine, einer dieser gelb-roten uralten russischen Wolgadampfer - beteiligte sich nicht
an dem Streik und schob unplanmäßig mal eben die Route
Katapola – Kleine Kykladen – Naxos – Syros - Andros – Rafina ein.

Von dort war es möglich, per Bus nach Athen zu fahren.

Gute Idee! Ein Ticket war mühelos zu bekommen, bei freier Sitzplatzwahl.

Doch trotz des schnell ergatterten Tickets ist in so einem Fall die Skepsis immer angebracht, ob der Deal gelingt, ob nicht doch noch die eine oder andere Flugbegleiterin sich dem Streik anschließt und die ganze Sache platzen lässt.

An eine sichere Rückfahrt war erst zu denken, als wir den Kahn betreten hatten, das Gepäck im Gang neben den Sitzen verstaut war, denn wirklich Platz für die Rucksäcke und Koffer gab es auf diesen Schiffen nicht.

 

 

 

 

 

 

Schon in Amorgós füllte sich das Boot zusehens, offenbar hatten wir wegen des Streiks etliche Leidensgenossen, die mit uns das Schicksal teilten.

Gut besetzt steuerten wir Koufonisi an, wo jedoch ebenfalls einige Hundertschaften am Anleger warteten, um mitgenommen zu werden.
Nun, nach dem Motto: „Platz ist in der kleinsten Hütte“ stapelten sich Passagiere und Gepäck in den Gängen, auf der Außenplattform am Heck, die während der Fahrt eigentlich geschlossen sein sollte, standen in den Außentüren, die sich vor Fülle nicht mehr schließen ließen, und besetzten sogar die Toiletten mit Sack und Pack.

Ein wenig fühlte ich mich in meiner Bewegungsfreiheit schon eingeschränkt, mitten drin im Pulk, es gab kein Vor- und Zurück, überall Gepäckstücke, die den Weg versperrten, darauf thronend die jeweiligen Besitzer, ihren Platz, ihr Hab und Gut verteidigend. Bei einem Crash wäre eine Evakuierung nicht möglich gewesen.

Eine gewisse Klaustrophobie machte sich breit.

Auch an eine „High-Speed“-Fahrt war kaum mehr zu denken. Langsam fuhr der Kapitän das Boot aus dem Hafen von Koufonisi, und sobald er Gas gab, hob sich der Rumpf des Schiffes wie eine lahme Ente nur mühsam um ein paar Zentimeter.

Die Passagiere auf der rückwärtigen Plattform fingen aufgrund ihrer nasswerdenden Füße plötzlich an zu kreischen, Wasser drang ein, der Kahn drohte nach hinten wegzusacken und abzusaufen. Vor meinem geistigen Auge sah ich schon die Schlagzeile in der einschlägigen Presse:

„Fährentragödie in der Ägäis – völlig überfüllte Fähre gesunken – 136 Tote – darunter 2 Deutsche“

Beruhigend war das nicht. Solche Schlagzeilen kannte ich bisher lediglich aus Fernost, den Philippinen oder Südindien. Ich dachte wirklich: Das überlebst du nicht.

An Bord war es inzwischen mucksmäuschen still.

So tuckerten wir – bei mäßigem Seegang, Stärke 5-6, auf Schinoussa zu, wo sich die Situation aufgrund des Andrangs noch deutlich verschlimmern sollte.

Mein Entschluss stand fest: in Iraklia steigen wir aus, koste es was es wolle, auf keinen Fall unser Leben.

Doch sinnvoller Weise entschied sich der Kapitän, die Insel Iraklia als Haltestelle auszulassen und langsam direkt Naxos anzulaufen – aus welchem Grund auch immer. Die Türen waren verstopft, ein Aussteigen unmöglich. So tuckerten wir wie eine Ladung von Schiffbrüchigen in den Hafen von Naxos.

Die Sache eskalierte.

Um überhaupt weiterfahren zu könnten hielten der Captain und seine Offiziere eine kleine Konferenz ab, tuschelten miteinander, kratzten sich am Kopf.

Das Ergebnis wurde über die Bordlautsprecher verkündet:

Das Schiff sei überladen, die Weiterfahrt nur möglich, wenn freiwillig 10 Menschen das Schiff verlassen würden!

Das muss man sich einmal vorstellen: 10 Leutchen bei dieser Menge! Welch eine Idee! Das Schiff hatte mittlerweile mindestens 200 Passagiere.

Ich glaube, ich habe noch nie im Leben so laut „hier!“ gerufen.
Auf Deutsch natürlich.

Wenn du nun denkst, die Passagiere hätten jetzt massenhaft das Schiffverlassen, so hast du dich maßlos geirrt! Mit Ach und Krach ließ man uns gnädig durch und schlug sich danach um unsere Plätze.

Es kamen knapp 8 Leutchen zusammen, die bereit waren, die Fahrt auf Naxos abzubrechen.

Alle anderen riskierten lieber ihr Leben und sahen nur das Ziel Athen vor dem geistigen Auge flimmern.

Mittlerweile kamen dem Kapitän doch Zweifel ob seiner so klugen Entscheidung.

Die paar Passagiere weniger machten den Kohl nicht fettfreier –
sprich das Boot nicht wirklich leichter.

Mutig entledigte er sich seiner schnieken weißen Uniform, 
wir beobachteten das Schauspiel direkt vom sicheren Anleger aus, etwas zitternd auf unseren Rucksäcken sitzend. Das sind die Momente, an denen man doch wieder zum Raucher werden könnte.

Er stieg aus seinem Cockpitfenster aus, nur mit seiner Unterhose bekleidet, sprang ins Hafenbecken und wagte einen Tauchgang, um den Tiefgang des Tragflügelbootes zu beurteilen. Wirklich wahr! Vor lauter Schreck vergaß ich sogar das Fotografieren! Eine besorgte Stewardess reichte ihm anschließend ein spärliches Handtuch.

Die Schieflage des Kahns schien ihn jedoch nicht zu beunruhigen, und so setzte das gesamte Himmelfahrtskommando seine schicksalhafte Fahrt fort.

Mir kam mal wieder die oben erwähnte Schlagzeile in den Sinn, die sich jedoch Gott sei Dank nicht bewahrheiten sollte.
Griechische Kapitäne wissen halt, was sie tun!
Sie zählen zu den besten der Welt!

Nach mehrstündiger Wartezeit auf Naxos eröffnete man uns und den ebenfalls Wartenden, dass ein Ersatzboot der Flying Dolphins aus Rafina unterwegs sei, um uns abzuholen.

Und so fuhren wir dann – etliche Stunden später – in einem nicht einmal halbgefüllten Schiff im Highspeed-Tempo Richtung Rafina, erreichten den Flughafen per Bus im Morgengrauen.

Gerade noch lebend. Mein lieber Scholli.

 

 

 

 

 

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