Missverständnis auf Amorgos

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war Anfang der 80er Jahre, als ich erstmals in die Chora von Amorgos kam. Damals erinnerte mich die Insel schon ein wenig an Lummerland. Ein Bus, eine Straße. Viel mehr war da nicht, selbst die Verbindungsstraße nach Ägiali war noch nicht gebaut, nur ein Niko aus Langada pendelte einmal pro Woche mit seinem roten Landrover auf der Schotterpiste von Langada nach Katapola. Wir machten den Weg damals noch zu Fuß,  „The Big Blue“ hatte Amorgos noch nicht gefunden.


Nur einen alten Dodge-Bus gab es, der bei Ankunft eines jeden Schiffes von Chora nach Katapola (und zurück) fuhr. Er wurde sicher geführt vom einzigen Busfahrer, der damals auch schon mal von nervösen Touristen mitten in der Nacht aus dem Schlaf geholt wurde, weil sie Angst hatten, ihr Schiff zu verpassen. Den alten Bus hab ich Jahre später auf dem Schrottplatz wieder gefunden. Heute habe ich einen Teil des Dogde-Emblems bei mir zu Hause.

Seit meinem ersten Besuch auf Amorgos habe ich das Wandern für mich entdeckt, denn eine andere Möglichkeit gab es nicht, zum Agia Anna Strand und zu dem etwas entfernten Kambi Beach zu gelangen, wo uns am Abend regelmäßig ein junger Mönch aus dem Kloster ansprach und fragte, ob denn nun alle Touristen außer uns vom Strand verschwunden seien.
Erst dann wagte er es, sich selbst für ein kühles Bad  in die Fluten zu stürzen. Heute weiß ich, es war Spiridon, der heutige Abt des Klosters Chozoviotissa.

Unser bevorzugtes Domizil war die Pension „Kastanis“, den Wirt Elias besuche ich heute noch. Seine Kinder, die mir damals beim Spielen aus Jux das Wasser abdrehten und ich so tagelang auf dem Trockenen saß – man wusste ja, die Wasserknappheit auf Amorgos, da geht das Wasser schon mal zur Neige – seine Kinder sind groß geworden, leiten heute die Pension und holen die Gäste mit dem Auto von der Fähre ab. Dieses Jahr hatte die Tochter schon ein Baby auf dem Arm.
Oben angekommen treffe ich ihn, beglückwünsche ihn zu seinem ersten Enkelkind. Er schaut mich an und sagt stolz:

„Yes, my daughter!“
Beim Abschied bringt uns die Tochter wieder zur Fähre. Ich wünsche ihr viel Glück mit ihrer kleinen Tochter. Sie meint nur verwundert: „My daughter? No no, the baby is my little sister!”
Oh, Elia, da hab ich wohl etwas missverstanden.

 

 

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