Kein gewöhnlicher Tag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir lernten uns auf der Fähre kennen, der Nachtfähre nach Donousa. Nennen wir ihn Iannis (in Wirklichkeit hieß er natürlich nicht so) - ein smarter Grieche, weißes Hemd, Strohhut. Ungefähr mein Alter.

 

Ich versuchte damals verzweifelt an Bord der Dimitroula noch eine Kabine zu bekommen, es gelang mir aber nicht, er war cleverer und hatte bereits vorgebucht.

 

Der Bord-Offizier an der Rezeption hatte keinerlei Überblick und hielt mich hin. Es könnten ja beim nächsten Stopp noch Leute kommen, er hatte keine Unterlagen über die Vorbestellungen.

 

Also verzog ich mich in die Lounge der ersten Klasse (wenn schon eine Nacht in Sesseln, dann wenigstens in bequemen!), während er sich in seine Kabine verzog. Die Klimaanlage im Salon lief auf Hochtouren, es war arschkalt, und die Griechenkinder tobten auch nachts um drei noch um die Wette. Vergeudetes Geld.

 

Also nichts wie raus aufs Deck. Wir landeten so gegen halb sieben morgens auf Donousa. Im Laufe des Tages traf ich Iannis dann mittags in der Taverne bei Nikitas. Etwas verschlafen nahm er sein erstes Amstel Bier und wurde dann aber gesprächig.

 

Er erzählte mir sein ganzes Leben, war vor Jahren nach Schweden ausgewandert, arbeitete als Taxifahrer, studierte nebenbei dies und das, sprach also inzwischen perfekt schwedisch und englisch.

 

Dann erlitt er in Stockholm plötzlich einen schweren Verkehrsunfall, jemand fuhr ihm hinten drauf. Schleudertrauma, Verletzungen, von denen er sich nie wieder richtig erholte.

Glück im Unglück: berufsunfähig, eine kleine Rente und Schmerzensgeld, das zum Überleben reichte.

 

So tingelte er durch die Kykladenwelt und genoss das Leben. Zu Hause war er in Thessaloniki, wo auch seine Verwandten lebten.

 

Am Abend hatte er sich fein gemacht, richtig herausgeputzt, für ein Rendezvous mit einer griechischen Lehrerin, die er gerade kennen gelernt hatte, er war halt ein kommunikativer Mensch, ich wünschte ihm viel Spaß.

 

Am nächsten Morgen war er tot.

 

Die Lehrerin rief noch in der Nacht verzweifelt den Inselarzt, der nicht mehr helfen konnte. Man munkelt, Viagra sei im Spiel gewesen, Herzversagen. Man trug ihn in die Gemeindehalle, oben beim Wasserspeicher. Mit der Skopelitis wurde er dann im Sarg in aller Frühe nach Naxos gebracht, von da weiter zu seiner Familie nach Thessaloniki. Ich war schockiert.

 

Es war irgendwie sonderbar, dass jemand, den ich so kurze Zeit kannte, mir sein ganzes Leben anvertraute. Die Zukunft hatte keine Chance.

 

Die Touristen auf der Insel bekamen von dem Vorfall nichts mit, ihre Urlaubswelt blieb heil. Das Leben ging seinen gewohnten Gang.

 

Tod und Urlaub passen einfach nicht zusammen.

 


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