Triologie 1: Ein perfekter Morgen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die ersten Sonnenstrahlen schieben sich durch die Ritzen
der Fensterläden, die ich am Abend sorgfältig geschlossen habe.

Sie reichen, um mich aus dem Schlaf zu holen. Der helle Lichtstreifen auf der Wand in der sonst dunklen griechischen Bude ist enorm. Ich stehe auf, weiß was mich erwartet,
gehe zum Fenster und genieße den Schlag.

Gleißendes Tageslicht, von der schneeweißen Häuserwand gegenüber reflektiert, blendet mich brutal. Der Kodak-blaue Himmel darüber lässt mich hoffen, es ist wieder ein schöner Tag.

Der Wind hat nachgelassen, das Frühstück auf der Terrasse
mit Meerblick kann kommen. Schnell unter die Dusche, die
Kraft der Sonne hat bereits ausgereicht, um den Warmwasserspeicher zu erhitzen. Ich gehe sparsam mit dem Wasser um, denn zum einen bin ich nicht der Einzige, der Duschen will, zum anderen ist der Abfluss wieder mal verstopft, das schaumige Wasser will und will nicht abfließen.
Fußwäsche ist garantiert. Dann schnell in T-Shirt und Jeans,
ab zum Bäcker. Der kleine Gang durch den kykladischen Ort erweckt die Lebensgeister. Die Geschäfte haben längst geöffnet, bei Manolis in der Taverne wird schon gefrühstückt, die Leute grüßen freundlich, obwohl ich sie gar nicht kenne. Je kleiner die Insel, desto mehr Kontakte ergeben sich.

„Kalimera, Psomí parakaló“. Auf den Minimalwortschatz antwortet der Bäcker erst gar nicht, weiß aber was gemeint ist und reicht mir eines seiner letzten frischen Brote.

Schnell wieder zurück, Kaffeewasser aufgesetzt, Butter, Milch, Marmelade und Käse aus dem Kühlschrank geholt. In ein paar Minuten ist das Frühstück fertig. Seitdem die Preise in den Tavernen gerade für das Frühstück deutlich gestiegen sind, mache ich es lieber selbst – und habe außerdem noch den Vorteil des perfekten Service. Der zweite Nescafe kommt zur rechten Zeit, weil ich ihn mir selbst bringe.
Tasse, Wasserkocher, Frühstücksbrettchen, Messer und Löffel gehören seither zur Standardausrüstung. Selbst die Orangenpresse fehlt nicht. Das frische Brot vom Bäcker schmeckt köstlich, auch an den Nescafe kann man sich gewöhnen. Dazu etwas Käse, Obst, Tomate. Und mittlerweile gibt es in Griechenland auch wirklich gute Marmelade. Nicht nur diese kleinen Fertigpackungen, die immer nur nach Zucker schmeckten. Selbst das Kätzchen, das uns zum Frühstück besuchen kommt, freut sich über seine allmorgendliche Käseecke.

So genießen wir den Morgen, schauen aufs Meer, beobachten die Aktivitäten rundherum. Der fahrende Händler mit dem voll bepackten Lieferwagen zieht seine Runde, spätestens jetzt hätten uns seine Lautsprecherdurchsagen geweckt.

Der Nachbar hantiert mit Zement und Kelle, ein Loch in der Einfahrt wird repariert. Auf dem Dorfplatz ist der Bus angekommen, offensichtlich war die Fähre schon da.
Neue Touristen mit Gepäck schleppen sich die Dorfstraße hoch, wenn sie nicht schon vorher von den Vermietern abgefangen werden. Aber alles verläuft sich schnell, manche Gesichter wird man abends wieder sehen.

Die Zeit verfliegt, zerrinnt zwischen den Fingern wie das Salz
im Meer. Schon ist es fast Mittag. Schnell den Abwasch gemacht und los geht´s.

So fängt der Tag gut an, den Tagesrucksack gepackt, Wasser und Kekse nicht vergessen, Mütze auf und hinaus in die Landschaft.

 

 

 

 

 

Triologie Teil 2: Ein perfekter Tag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Schlüssel vom Room wird in der Hosentasche verstaut
und der Tagesrucksack geschultert, gefüllt mit dem obligatorischen Neró Loutraki, den Papadopoulos Keksen
und etwas Obst.  Heute – nach dem Frühstück auf der Terrasse – wird gewandert. Die alten Eselspfade haben es mir angetan.

Schon kurz hinter dem Dorf ist der Einstieg, weg von der Hauptstraße auf alten mit groben Steinen gepflasterten Wegen. Wirkliche Wanderschuhe brauche ich nicht, die Bootsschuhe mit der Profilsohle reichen mir aus und sind nicht so warm.
Und ich spüre jeden Stein. Ein Stück parallel der Hauptstraße, doch dann kommt eine Biegung und man ist mitten drin.
Natur pur, ein Blick in unendliche Weiten (den ich zuhause so sehr vermisse) weit über das Meer. Dahinten müsste Sikinos sein. Schnell die kleine Übersichtskarte aus dem Portemonnaie gefischt und nach Norden gedreht: ja, hier Sikinos, dahinter Ios im Dunst, links Kimolos – oder ist es schon Sifnos? Nein, Kimolos mit Milos. Kleine Kykladenwelt.

Die Grillen zirpen um die Wette, sobald man näher kommt, verstummen sie, inszenieren eine mitwandernde Pause. Thymian und Salbei am Wegesrand soviel man will.
Wir pflücken uns ein Sträußchen und halten es uns gegenseitig unter die Nase. Guck mal, wie das riecht!

Vorbei an etlichen Feldern, die auch heute noch mühsam bewirtschaftet werden, geht es immer weiter hinunter in das terrassierte Gelände. Der Verlauf des Weges ist nur kurz, nur momentan zu erkennen. Von Zukunft keine Spur. Ganz im Hier und Jetzt. Irgendwie geht der Weg immer weiter, wie im richtigen Leben.

Wie aus dem Nichts taucht hier und da ein Kirchlein auf, ein architektonisches Ausrufezeichen in wilder Landschaft. Wer hat es gebaut? Wem ist es geweiht und wieso steht es hier?
Fragen über Fragen, der gute Reisführer hat meist eine Antwort parat.

Die Sonne brennt, die Mittagszeit kommt. Jeder vernünftige Grieche geht jetzt nicht mehr vor die Tür. Nur die Touristen wackeln durch die Landschaft, wo es doch mittlerweile so schöne Straßen gibt. Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen, möglichst unter einem Baum mit Meerblick und genießen
unsere karges Mahl, sinnieren über die Reise, die weiteren Ziele und – ganz wichtig – wo und was und mit wem wir heute zu Abend essen werden.

 

So verrinnen die Stunden in der Mittagsglut.

Los geht es, nur nicht einrosten. Weit ist der Weg nicht mehr, wir landen unten am Meer, finden eine recht einsame Bucht und stürzen uns in die kühlen Fluten. Lange bleiben wir nicht allein, denn auch im Juni ist die Insel schon von Touristen bevölkert. Aber ein schattiges Plätzchen gibt es für jeden. Und wenn nicht, packen wir unser (neues) eignes Sonnensegel aus.

 

Der einzige Wermutstropfen ist dann allerdings nur noch der Gedanke an den Rückweg, der gemeistert werden will.

Aber keine Müdigkeit vorschützen und den Anstieg beginnen. Das Steigen auf diesen alten Wegen und in dieser Landschaft ist immer ein Genuss. Der Kreislauf kommt in Schwung, das beste Fitnesstraining der Welt. Das Auge immer nach unten gerichtet, Vorsicht, dass man sich nicht den Fuß verstaucht.

 

Ab und zu ein kleines Päuschen, den Blick kreisen lassen, kurz verschnaufen und weiter geht´s. So kommt man gut durchgeschwitzt aber glücklich wieder ins Dorf, setzt sich zu Nikitas in die Taverne und bestellt sich ein kühles Abendbier. Eines reicht, denn der Abend wird noch lang. Jetzt aber schnell unter die Dusche.

 

 

 

 

 

Triologie Teil 3: Ein perfekter Abend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frisch geduscht und gestriegelt geht es auf die Piste.

Obwohl ich mich immer wieder fragen muss, für wen ich mich eigentlich hier an der frischen Luft deodoriere. Vielleicht um 
die Fliegen abzuwehren?  Egal. Die Inseln, die wir besuchen

sind so klein, dass uns die Auswahl der richtigen Taverne leicht fällt. Von den drei Lokalen vor Ort geht es halt immer reihum.

Tisch ausgesucht, Stühle zurechtgerückt (könnte ja noch wer kommen), einen als Armlehne dazugestellt, Pullover als Besitzmarkierung über die Lehne geworfen und ab in die Küche.

 

Die alten Alutöpfe stehen auf dem Herd, längst erkaltet, verheißen nichts gutes, aber wir riskieren einen Blick.
Jorgos lüftet das Geheimis, das seine Mutter im Laufe des
Tages erkocht hat. Keftédes sehen nicht schlecht aus.
Und Pastítsio. Und der dritte? Briam, leer, schon alles weg. Mutter sitzt am Tisch und schnippelt den Salat, immer ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht. Also, alles klar:
mía Choriátiki, éna Tsatsíki, Keftédes me Patátes, Pastítsio.
Und Psomí, ja klar. Zurück an den Tisch, Bíra gleich aus der Küche mitgebracht. Und dann kommen sie doch.
Die Kykladenwelt ist klein, zur gleichen Jahreszeit sieht man immer wieder die gleichen Gesichter, Gleichgesinnte, die immer wieder dieselben Inseln besuchen. Schnell ist ein Tisch angebaut, ein paar Stühle herbeigeschafft und die Paréa ist komplett. Ein paar neue Gesichter, nette Kontakte, viele Bekannte, man spricht deutsch – aber auch englisch, jemand kommt aus Dublin, auch aus Paris oder Stockholm.

 

International. Später setzt sich der eine oder andere Grieche dazu. Der Abend ist mild, seidenweich, die Gespräche kreisen wie immer um die Inseln, die alten Fähren, Tavernen, Begegnungen.

 

Früher war alles besser, weißt du noch, die Paros Express?

War das nicht die Fähre mit den tollen alten Holzplanken?

 

Oder auf Iraklia, wo der Kapitän die Hafeneinfahrt rammte?

Man nannte ihn nur noch „Captain on the Rocks“.

 

Halt, stopp, wer jetzt nochmal „früher“ sagt, zahlt 5 Euro in die Kasse! Wir leben doch im Hier und Jetzt! Spätestens jetzt lässt jemand seine leere Karelia-Schachtel herumgehen (Bierdeckel gibt es ja nicht), und den Kuli. Multiple Choice: jeder der will macht eine Strich auf die Packung, entweder bei O, M, oder B. Klar oder? Ouzo, Metaxa oder Bira. Dann geht die Bestellung

ab zu Jorgos in die Küche. Der ahnt langsam, was auf ihn zukommt. Macht aber gute Miene zu bösem Spiel.

 

Der Abend wird lang, und er wird bis zum bitteren Ende ausharren müssen. So wie sein Vater früher.

Die Kinder toben um die Tische, mitten in der Nacht, als würde es ein Morgen nicht geben, die Blue Star Naxos legt zwischendurch an, ein willkommenes Schauspiel mitten in der Nacht, ein Monstrum auf dieser kleinen Insel wie aus einer anderen Welt. Trubel zwischendurch, dann ist wieder Ruhe eingekehrt. Bier und Wein fließen reichlich, reihum wird der alte Schlüssel für die Toilette weitergereicht, der in der Küche am Haken hängt. Das Klo ist um die Ecke. Irgendwo muss man sich ja entsorgen. Ein kleines Päuschen am stillen Ort lässt mich zur Besinnung kommen. Ja, genau das ist es, das ist ein Abend, so wie er mir gefällt. Nette Menschen, Essen, Trinken, Wärme, Meer. Es ist einfach gut so, für einen Moment bleibt die Zeit stehen, so könnte es immer weiter gehen. Doch irgendwann ist der Pegel erreicht,  wir verabschieden uns, die anderen machen noch lange weiter (es soll schon hell geworden sein - erfahren wir am nächsten Tag). Aber wir wollen morgen wandern, nicht den Tag vertrödeln. Sorgfältig schließe ich die Fensterläden unseres Rooms und falle in einen tiefen Schlaf,

in eine perfekte Nacht. Razzz, razzz, razzz.

 

 



 

 

 

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