Ein gutes neues Jahr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Er schob den Ärmel seines dicken Wollpullovers ein wenig

hoch und schaute auf die Armbanduhr.

Viertel vor fünf. Seine Uhr, eine alte mechanische, die er

von seinem Vater geerbt  hatte war das Einzige, das ihn

noch von den Griechen unterschied. Die trugen entweder

gar keine oder einen Blender, der nie die richtige Zeit anzeigte.

 

Es war noch dunkel, er musste los.

Die Tür fiel hinter ihm leise ins Schloss, die klare kalte Luft schlug ihm entgegen, er atmete tief durch und langte instinktiv in seine linke Jackentasche, suchte nach der Packung Zigaretten, fingerte eine heraus und steckte sie in den Mund. Dann merkte er, dass er sein Feuerzeug in der Küche hat

liegen lassen.

 

Macht nichts, er kehrte nicht um. Auf dem Boot hatte er bestimmt noch ein anderes. Den kurzen Weg auf dieser

kleinen Kykladeninsel zum Hafen und zum Anleger ging er immer wieder gern, irgendwie erinnerte ihn das an seinen Schulweg

in der Kindheit, er kannte sich gut aus, damals wie heute, kannte jedes Haus und die Menschen, die darin wohnten.

 

Bei Iannis brannte schon Licht, „der wird sein Boot auch gleich klarmachen“, dachte er. Er löste die Vorleine vom Poller und

zog damit sein Kaiki zu sich heran. Mit einem Schritt war er

auf dem Boot, das sanft seinem Gewicht nachgab und auf

und ab wippte. Die See war sonst ruhig. Er warf das Seil auf

die Planken und startete den Diesel, holte das Feuerzeug aus der Werkzeugkiste und steckte sich die Zigarette an.

 

Als der Einzylinder rund lief tuckerte er los, die Ruderpinne

fest in der Hand. Heute würde er etwas fangen, er hatte ein gutes Gefühl. Nord-Nordwest, das war seine Richtung, er schaute noch einmal zurück. Die Silhouette des Hafens

erkannte er auch im Dunkeln, die fünf neuen Straßenlaternen am Kai, daneben – etwas höher - die Beleuchtung der Kirche, und ganz rechts das Außenlicht von Nicolas Taverne, wenn er mal wieder vergessen hatte es auszumachen und sein Schild "Rooms ToLet" in der Dunkelheit leuchtete, bei dem er immer dachte, es fehlt nur noch ein "i".

 

Es dauerte eine Weile, aber jetzt war er da. In der Ferne leuchteten die Lichter von Naxos herüber, auf der anderen

Seite blinzelten die Häuser von Amorgós ihm zu.

 

Langsam ließ er das Netz in das schwarze Wasser gleiten,

Stück für Stück. Er schaltete den Motor nicht ab. Die Gefahr, dass er nicht mehr anspringen könnte war ihm zu groß.

 

Sobald er mit dem Netz fertig war, blickte er auf und sah den dünnen Silberstreif am Horizont. Wie ein leuchtendes Band zog sich der Himmel auf, tauchte das Meer und die kleinen Wellen in ein sanftes, jetzt goldfarbenes Licht, verschmolz am Horizont zu einem Farbenspiel wie er es noch nie gesehen hatte.

 

Es kam ihm vor, als stiege der Himmel aus der dunklen See empor, die ganze Ägäis jetzt ein Meer voller Licht, Sonne, Farben und Wolken, ein neuer Tag, ein neues Jahr – gewachsen aus dem Lichterglanz am Horizont.

 

Ein warmes Gefühl des Glücks durchströmte ihn, und er hatte dieses seltene Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, allein mit sich, dem Boot und dem Meer. Er öffnete die Klappe und griff unter Deck in die Eiskiste, die ihm Jannis für heute gegeben hatte. Daraus fingerte er eine kleine Flasche Champagner hervor, es war ein Piccolo, ein Überbleibsel des Besuches einer guten Freundin aus der Heimatstadt, vom vergangenen September. Für den Schampus hatte sich halt keine Gelegenheit ergeben, na ja.

 

Er fingerte an dem Verschluss herum, entfernte die Alufolie

und wunderte sich, dass diese kleine Flasche sogar einen

echten Korken hatte. Sorgfältig drehte er den Draht auf und

zog den Korken langsam mit einem Zisch heraus. Eine Wolke aus Champagnerduft und Perlenschaum strömte ihm entgegen,

den winzigen Korken würde er aufheben, er steckte ihn in

seine Hosentasche. Dann schaute er wieder zum Horizont, zündete sich eine Zigarette an und leerte die kleine Flasche

in einem Zug. „Nicht schlecht!“ murmelte er, dachte einen Augenblick

an seine Heimat, von der er sich schon vor Jahren getrennt hatte, und ließ erst gar nicht den Gedanken zu „was wäre wenn“. So wünschte er sich und dem Meer ein gutes neues Jahr. Die Sterne über ihm funkelten trotz der Morgendämmerung an diesem Neujahrsmorgen noch ein

wenig intensiver als sonst.

 

Er packte seine Wünsche in die leere Flasche – viele waren es nicht -  und warf sie als Flaschenpost in weitem Bogen hinaus ins glitzernde Meer.

 

 

 

 

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