Begegnung   

 

 

Piräus  

Noch etwas müde verließ er am frühen Morgen das Hotel in der Athinas Straße, kaufte sich am Kiosk nebenan ein kleines Neró und registrierte nur kurz die Hotelwerbung auf der Markise:  

 

„ARION ATHENS HOTEL“. Na, vielleicht hätte er dort besser übernachtet, die laute Musik, die aus dem Psirri-Viertel bis in sein Zimmer drang, ließ ihn nicht wirklich gut schlafen. Er erwischte die Linie 1 noch so gerade an der Monastiraki Metrostation und zuckelte zusammen mit einigen ebenfalls müden Berufspendlern in der alten Elektriko von der Athener Innenstad Richtung Piräus. Vorbei an unzähligen Graffitis und Werksruinen, Wohnhäusern mit heruntergelassenen Markisen und Rollläden, vor denen Schrottautos und Luxuswagen parkten, bis sie am Olympiakos Stadion vorbei in Piräus fast schon das Meer erahnen konnten. Um Sieben ist schon ganz schön viel los, dachte er, die dicken Pötte liegen bereit, die fliegenden Händler mit ihren Sesamkringeln haben sich vor ihnen postiert, die Ticketbuden sind geöffnet, LKW rauschen an ihm vorbei, schaukeln über die Ladeklappen mit ihren voll beladenen Trailern ins dunkle unergründliche Innenleben der Fähren, riesig groß.

 

Schnell in die Schlange gestellt, die Insel Paros war sein Ziel, Ticket gekauft.  

 

Plötzlich stand er ganz still da, wie angewurzelt, fasste sich in seine linke Jackentasche, sie war leer. Er wurde kreidebleich. Da war nichts mehr, geklaut, einfach geklaut.

 

Dabei hatte er auf seine Kamera aufgepasst wie auf seinen Augapfel, hatte sich extra eine kleine Kompakte besorgt, die er mühelos immer dabei haben konnte, die in die Jacke passte. Sicher, es gab bessere, Spiegelreflexkameras, mit denen man Profibilder schießen konnte, mit unscharfem Vordergrund, man konnte mit der Schärfe spielen. Aber das war ihm nicht so wichtig. Er wollte schnell sein, wollte die Kamera blitzschnell zücken können wenn es darauf an kam, wollte den Moment einfangen, keine gestellten Szenen, alles sollte ganz lebendig wirken. Schon viele dieser Fotos hatte er ins Netz gestellt, auf Facebook, Flickr, in diverse Foren. Nun war sie weg.

Es musste am Ticketschalter passiert sein. Er stand kurz an der Box für die Fähren nach Paros, Naxos, Santorini, Blue Star, hatte seine Hände am Portemonnaie, keine Hand mehr frei für die Kamera.

Man hatte ihn gewarnt, gerade in Piräus, das er in- und auswendig kannte, schon x-Mal hier gewesen. Aber die Taschendiebe werden immer dreister, oft keine Einzeltäter sondern kleine Gruppen, die durch Rempeleien oder Ablenkungsmanöver ihre Chance nutzen.

 

Was war jetzt zu tun? Laut nach der Polizei rufen? Eigentlich sind am Hafen von Piräus immer einige Uniformierte von der Coastguard in ihren dunkelblauen Overalls zu sehen. Aber was würde das bringen? Mit auf die Wache, Protokoll aufgeben, Fähre verpassen. Damit wäre der Tag dahin.

 

Dumm gelaufen. Aber was soll´s. Die Fähre ging in ein paar Minuten, die Kamera selbst war ihm nicht so wichtig, aber die Aufnahmen, die er bis jetzt in Athen und Piräus geschossen hatte. Er würde sich auf Paros nach einer neuen umsehen, zur Not hatte er ja noch sein Smartphone.

 

Die Blue Star war noch recht leer, und wenn er aufpasste, konnte er vom Barmann noch einen Nés für 1,20 bekommen, bevor die anderen Reisenden die großen teuren Kaffeebecher verpasst bekamen. Er verzog sich in eine der Lounges mit den Pullmansitzen und versuchte noch ein wenig zu schlafen.

 

Der Dieb
 

Es war sein Sport, nicht dass er es nötig hätte, es war für ihn einfach nur die Herausforderung zu gewinnen. Er beobachtete seine Opfer lange und intensiv. Obwohl „Opfer“ nannte er sie nicht, eher „Zielpersonen“ oder „Objekte“. Und es ging nicht um Gewalt, reine Geschicklichkeit, das war es.

Jetzt also wieder nach Naxos. Und dann mal sehen, die Inselwelt ist groß. Kleine Kykladen vielleicht, oder Folégandros, Sikinos, Anafi. Die kleinen noch einigermaßen ursprünglichen Inseln hatten es ihm angetan. Einfach mal raus aus dem Alltag, da war der Tag gestern in der griechischen Hauptstadt schon ein guter Anfang.

 

Nur das Ticket fehlte ihm noch, also Schlange stehen bei der Blue Star. Der Typ vor ihm könnte sein nächstes Objekt werden. Wie blöd muss man sein! Aus seiner linken Jackentasche lugte eine nette kleine Kamera hervor. Während der Vordermann nach seinem Geld suchte und ordentlich seinen Namen der Ticketlady buchstabierte, auch ein Deutscher. Er hörte nur mit einem Ohr hin, war ganz konzentriert auf die kleine Kamera. Die hinter ihm stehende Schlange lenkte er kurz mit einer wilden Drehung seines Oberkörpers ab, als wäre ihm etwas hingefallen, dabei ein kurzer Griff und die Kamera lag in seinen Händen. So einfach ist das, selbst schuld.

Er war dran: "Your name please." O.K. Er nannte seinen richtigen Namen, obwohl ihm nach der kleinen Aktion soeben dabei nicht ganz wohl war, aber die Ticketlady könnte ja auch seinen Ausweis verlangen, also kein Risiko eingehen, die Fähre würde nicht auf ihn warten.

Ticket eingesackt und ab auf die Fähre, viel Zeit war nicht mehr.

 

Die Rolltreppe rauf, an der Rezeption vorbei. Die Cafélounge-Sessel waren restlos von Griechen belegt, der Fernseher zeigte irgendwelche Soaps. Also weiter in die Pullmansitze, Airlouge 4.

Die war fast leer.

 

Gute Gelegenheit, sich die kleine Kamera einmal näher anzuschauen. Er setzte sich so, dass niemand mit auf das kleine Display schauen konnte und sah nach, welche Aufnahmen seine Zielperson schon drauf hatte. Aha, wieder das Übliche, Flughafen, Flieger, Blick von der Dachterrasse auf die Akropolis, Plaka, manche Aufnahmen waren gar nicht mal schlecht, guter Blick.

Plötzlich schluckte er. Die Person auf dem Foto kam ihm bekannt vor. Das war doch sein Outfit, seine Gestalt. Er zoomte den Ausschnitt näher heran. Ja, er war es selbst. Merkwürdiger Zufall.

Aber konnte ja sein, auch er war gestern angekommen, hatte sich auf den Weg über Thissio zum Arkropolismuseum gemacht, hatte ein befreundetes Athener Paar getroffen.

 

Er klickte die Fotos nochmal sorgfältig durch: auf jedem zweiten Bild war er zu sehen. Wie er die Adrianou hochging, vorbei an den unzähligen Restaurants und Cafés mit ihren dampfenden Klimaanlagen, in Thissio an seinem Lieblingsimbiss Gyristroula Richtung Akropolis durch die Apostolou Pavlou und bis zum Museum. Man hatte ihn verfolgt. Beschattet. Jemand war hinter ihm her. Sogar das Treffen im Filistron mit seinen Freunden Dimitri und Maria war mit drauf. Mist.

 

Dabei hatte er in Athen diesmal gar nichts Weiteres geklaut. Nur eben jetzt diese Kamera. War ja auch eher Zufall das. Und dieser Jemand war hier mit ihm an Bord. Er musste ihn finden und zur Rede stellen. Jetzt direkt. Er konnte sich ja noch ein wenig an ihn erinnern, seine Jacke. Jetzt bloß nichts falsch machen, keine Panik. Ganz ruhig bleiben.

Es war ja noch Zeit, die Fähre legte gerade ab, jetzt vier Stunden bis Paros, gut fünf bis Naxos.

 

Er überlegte. Er würde den Spieß umdrehen, würde ihn beobachten, heimlich, als „verdeckter Ermittler“. Ja, das müsste gehen. Müsste herausfinden, mit wem er sich träfe, was er vorhätte und wohin ihn die Reise führt. Er hatte ja Zeit, Urlaub, kein Ziel, keine Buchung, es war Ende Mai, noch keine Saison. Er bekam eine Gänsehaut, kein gutes Gefühl, er war das „Objekt“, keine Ahnung warum.

 

Langsam erhob er sich aus seinem Airseat und begann, die Lounges langsam zu durchstreifen, aufs Deck wagte er sich nicht, dort wäre er Freiwild.

 

Die unteren Säle waren voll, fast ausschließlich mit griechischen Reisenden belegt, die ihre Einkäufe aus Athen auf den Sitzen verteilten und sich angeregt mit ihren Sitznachbarn unterhielten. Nur die oberen Räume boten mehr Platz und etwas mehr Ruhe. Langsam streifte sein Blick nach rechts und links und er taxierte die Schlafenden unauffällig. Ah, hier in der Lounge Nr. 5 fand er ihn schlafend, erkannte ihn an seiner Jacke, die er sich übergeworfen hatte. Er prägte sich das Gesicht gut ein, damit er ihn später leicht wiedererkennen konnte.

Musste etwa in seinem Alter sein, so um die vierzig, leichter Bart.
Jetzt, wo er in Sicherheit war, drehte er ein paar Runden an Deck und genoss die gute Seeluft. Allein wegen des Klimas lohnte es sich immer wieder, die Ägäis im Frühjahr zu bereisen. Manche Reisende hatten es sich schon auf den Bänken bequem gemacht und streckten die Gesichter sehnsüchtig der Sonne entgegen.

Doch der Wind war recht heftig, leise setzte er sich daher in die Lounge ein paar Reihen hinter seine Zielperson und wartete ab.

Paros 

“Ladies and Gentlemen, in a few minutes we will arrive at the port of Paros. Passengers with destination Paros are kindly requested…”
Die Stimme aus dem Lautsprecher riss Klaus aus seinem Halbschlaf. Er musste eingenickt sein, sah dass sein Vordermann die Sachen packte, der wollte offensichtlich hier in Paros raus.
Jetzt musste er schnell sein, sich entscheiden. Weiterfahren nach Naxos und seine Tour wie geplant durchführen, oder auch hier raus und den Typ verfolgen?
Er stieg mit aus. Unauffällig reihte er sich in die Schlange der Wartenden ein, die auf der abgeschalteten Rolltreppe hinunter ins Autodeck führte, wo sein Koffertrolley stand. Langsam öffnete sich schon die Ladeklappe unter der unsinglichen Melodie des Kuckuckwalzers. Sein „Objekt der Beschattung“ hatte er immer im Blick.
„Rooms, rooms, Mister?“ Er ignorierte die aufdringlichen Hotelanbieter, bahnte sich seinen Weg durch die Menge der an Land gehenden Passagiere. Immer hinter ihm her.

 

Gut, jetzt also Paros. Der Weg führte vorbei an der kleinen Mühle im Hafen, am alten Corner Café über die Platia. Offenbar nahm er ein Hotel am Ende des Platzes, hinter der Bäckerei, der Duft von frischem Brot und Kuchen kam ihm in die Nase. Er hielt sich zurück, wartete eine Weile, dann ging er auch zum Hotel „Captain Manolis“.

Es ließ sich nicht vermeiden, sie mussten aufeinander treffen. An der Rezeption passierte es, der Hotelier guckte nur noch erstaunt, als der Gast, der sich gerade eintrug, umdrehte und sagte: „Klaus, bist du das? Ich war mir in Athen nicht sicher.“
 

Er war verdutzt. „Ja. Wieso?“ Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Lars? Gibt´s doch gar nicht! Wie lange haben wir uns nicht gesehen! Fünfzehn Jahre, oder länger? Man, was waren das Zeiten! Komm, wir müssen unbedingt quatschen.“ Immer wieder hatte er sich an die wunderbare Reise erinnert, bei der sie gemeinsam einige der Inseln unsicher gemacht hatten. Aber beide hatten sich nie getraut, wieder Kontakt aufzunehmen, es hatte sich halt nicht ergeben. Sie hatten sich aus den Augen verloren. 

Er fischte die kleine Kamera aus seiner Hosentasche und hielt sie im verlegen hin.

„Hier, die habe ich am Ticketschalter in Piräus gefunden und bin dir gefolgt. Ich denke, die gehört dir...“

 

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